Botanische Namen – warum?

Wissenschaftliche Pflanzennamen sind weit mehr als Fachbegriffe. Sie helfen dabei, Pflanzenarten weltweit eindeutig zu benennen, Verwandtschaften zu erkennen und Missverständnisse zu vermeiden. Wie wichtig eine einheitliche Namensgebung – auch Nomenklatur genannt – ist, zeigt ein einfaches Beispiel: Augenwurz, Butterblume, Dandelion, Hundsblume, Kuhblume, Löwenzahn, Pusteblume oder Saublume bezeichnen nicht verschiedene Pflanzen, sondern ein und dieselbe Art: den Löwenzahn (Taraxacum officinale).

Mit diesem botanischen Namen wissen Wissenschaftler, Botaniker, Apotheker und Gärtner auf der ganzen Welt sofort, um welche Pflanze es sich handelt – unabhängig von Sprache, Region oder Dialekt. Botanische Namen sind damit gewissermassen das Esperanto der Pflanzenwelt. Hinzu kommt, dass viele Pflanzen, insbesondere exotische Arten, gar keinen gebräuchlichen deutschen Namen besitzen. Doch wie entstand dieses Ordnungssystem der Pflanzennamen, und weshalb verwenden Fachleute bis heute die lateinischen Bezeichnungen?


Schwieriger botanischer und deutscher Name – Heptacodium miconioides - Sieben-Söhne-des-Himmels-Blume
Schwieriger botanischer und deutscher Name – Heptacodium miconioides - Sieben-Söhne-des-Himmels-Blume

Acer statt Ahorn, Hosta statt Funkie, Salvia statt Salbei: Wer sich etwas intensiver mit der Pflanzenwelt beschäftigt, stösst früher oder später auf botanische Namen. Mit Fachsimpelei hat das wenig zu tun. Die wissenschaftlichen Bezeichnungen helfen vielmehr dabei, Pflanzen weltweit eindeutig zu benennen, Verwandtschaften zu erkennen und Missverständnisse zu vermeiden.

Die heute verwendete botanische Nomenklatur geht auf den schwedischen Naturforscher Carl von Linné (1707–1778) zurück. Mit seinem Werk Species Plantarum aus dem Jahr 1753 schuf er die Grundlage für das bis heute gültige System der Pflanzennamen. Linné erkannte, dass sich der Aufbau der Blüten und Fortpflanzungsorgane besonders gut zur Einteilung der Pflanzen eignet. Die bis dahin oft langen und umständlichen Bezeichnungen ersetzte er durch ein einfaches Doppelnamen-System, das als binäre oder binomiale Nomenklatur bezeichnet wird.

Jeder botanische Name besteht aus zwei Teilen: dem grossgeschriebenen Gattungsnamen und dem kleingeschriebenen Artnamen. So bezeichnet Amelanchier lamarckii die Kupferfelsenbirne, während Prunus dulcis für die Mandel steht. Handelt es sich um eine gärtnerische Selektion oder Züchtung, wird zusätzlich ein Sortenname angefügt, der in einfache Anführungszeichen gesetzt wird, beispielsweise Potentilla fruticosa 'Goldfinger' oder Clematis montana 'Rubens'.

Botanische Namen werden oft als «lateinische Namen» bezeichnet. Das trifft häufig, aber nicht immer zu. Viele Begriffe stammen tatsächlich aus dem Lateinischen, etwa alba (weiss), officinalis (als Heilpflanze in Apotheken verwendet) oder sylvatica (im Wald vorkommend). Andere Bezeichnungen haben ihren Ursprung im Altgriechischen, beispielsweise microphylla (kleinblättrig). Manche Pflanzennamen erinnern auch an bedeutende Botaniker. So wurde die Gattung Choisya (Orangenblume) nach dem Schweizer Botaniker Jacques-Denis Choisy benannt.

Oft verraten botanische Namen interessante Eigenschaften einer Pflanze. Salix helvetica weist auf die Schweizer Herkunft der Schweizerweide hin, Menyanthes trifoliata beschreibt die dreiteiligen Blätter des Fieberklees und Digitalis lutea die gelben Blüten des Gelben Fingerhuts. Mit etwas Übung lassen sich aus den Namen also viele Informationen herauslesen.

Natürlich können botanische Namen beim Lernen und Aussprechen eine Herausforderung darstellen. Beispiele wie Kirengeshoma palmata (Wachsglocke), Hakonechloa macrantha (Japangras), Hibanobambusa tranquillans (Bambus) oder Heptacodium miconioides verlangen der Zunge einiges ab. Doch wer sich darauf einlässt, wird schnell feststellen: Das Erlernen botanischer Namen erweitert nicht nur das Pflanzenwissen, sondern eröffnet einen ganz neuen Zugang zur faszinierenden Welt der Pflanzen.

Ein Grundwissen an botanischen Namen ist deshalb nicht nur für Fachleute, sondern auch für Gartenliebhaberinnen und Gartenliebhaber von grossem Nutzen. Es erleichtert die Kommunikation, hilft bei der Suche nach neuen Pflanzen und schafft ein tieferes Verständnis für Zusammenhänge in der Pflanzenwelt. Wer einmal damit begonnen hat, wird die grüne Welt mit anderen Augen sehen – und vielleicht schon bald auf die Frage «Sprechen Sie botanisch?» mit einem überzeugten «Ja» antworten.

Schwieriger botanischer und deutscher Name – Heptacodium miconioides - Sieben-Söhne-des-Himmels-Blume
Schwieriger botanischer und deutscher Name – Heptacodium miconioides - Sieben-Söhne-des-Himmels-Blume
Naturforscher Carl von Linné (1707–1778)
Naturforscher Carl von Linné (1707–1778)
Taraxacum officinale
Taraxacum officinale
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